Das Land Nicaragua

Nicaragua

Nicaragua ist ein kleines Land in Mittelamerika zwischen Honduras im Norden und Costa Rica im Süden mit etwa 6 Mio Einwohnern, genannt „Nicas“. Das Klima ist tropisch-feucht und heiß mit Tagestemperaturen zwischen 25 und 35 Grad C. Faszinierend ist eine üppige Natur, sehr schöne koloniale Städte wie Granada und Leon und eine beeindruckende Landschaft mit tropischen Regenwäldern, Mangrovenwäldern an der Pazifikküste und mehreren Nationalparks. Eine Kette teilweise noch aktiver Vulkane zieht sich parallel zur Pazifikküste von Süden bis an die Grenze zu Honduras (Land der tausend Vulkane). Die beiden größten Binnenseen Zentralamerikas befinden sich in Nicaragua, der Nicaragua-See, 16x größér als der Bodensee, und der Managua-See, an dessen Ufer die Hauptstadt Managua liegt.

Die Bevölkerung Nicaraguas konzentriert sich in der fruchtbaren Küstenregion am Pazifik mit der Hauptstadt Managua mit ca. 1,5 Mio Einwohnern und den kolonialen Städten Granada im Süden und Leon im Norden. Dort liegt auch unsere Partnerstadt Masatepe etwa in der Mitte zwischen Granada und Managua. Die Bevölkerung besteht überwiegend aus Mestizen, ca. 5% Indios, die vor allem an der Pazifikküste leben, und etwa 9% Schwarzen. Nicaragua ist ein sehr katholisches Land, allerdings nimmt die Mitgliederzahl evangelikaler Kirchen zu. Die Landessprache ist hauptsächlich Spanisch. Die Nicas sind sehr freundliche und hilfsbereite Menschen. Alle Freiwilligen aus Groß-Gerau waren von der Herzlichkeit und Gastfreundschaft der Nicas begeistert, viele haben sich richtig in dieses Land verliebt.

Allerdings ist Nicaragua eines der ärmsten Länder Lateinamerikas. Es gibt keine nennenswerte Industrie, wenige Bodenschätze, die Arbeitslosigkeit ist sehr hoch, das Pro-Kopf-Einkommen niedrig und vor allem junge Menschen haben nur geringe berufliche Perspektiven. Mehrere hunderttausend Nicas leben und arbeiten im Ausland, insbesondere in Costa Rica und in den USA.

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Kathedrale in Granada

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Managua, Haus des Volkes

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Am Ufer des Lago de Nicaragua

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Granada, Casa de tres mundos

Nicaragua wurde fast 50 Jahre lang von der Diktatur der Familie Somoza beherrscht, die mit brutalem Terror regierte und das Land ausbeutete. Als die Hauptstadt Managua durch ein Erdbeben 1972 fast total zerstört wurde mit Tausenden von Toten, steckte Somoza ausländische Hilfsgelder für die Opfer in die eigene Tasche. Dies verstärkte den wachsenden Widerstand gegen die Diktatur, es kam zu wochenlangen Generalstreiks. 1978/79 gab es im ganzen Land zu Aufständen, und am 19. Juli 1979 nahm die FSLN (Frente Sandinista de Liberación Nacional) die Hauptstadt Managua ein, Somoza floh in die USA. Die Sandinisten verstaatlichten den Besitz Somozas, führten landesweit Alphabetisierungskampagnen durch und begannen, das Land aufzubauen.

Der nicaraguanische Befreiungskampf wurde von einer weltweiten Welle der Sympathie unter vielen fortschrittlichen Menschen begleitet. Es gab Unterstützungskampagnen, Freiwilligen-Brigaden kamen nach Nicaragua, um beim Aufbau mitzuhelfen, und in dieser Zeit wurden die ersten Keime für Städtepartnerschaften gelegt. Im Land wurden soziale Reformen durchgeführt, Land gerecht verteilt, das Erziehungs- und Gesundheitswesen reformiert und für die Bevölkerung weitgehend kostenlos zur Verfügung gestellt und die Armut reduziert. Präsident war Daniel Ortega, der Vorsitzende der FSLN.

Den USA unter ihrem damaligen Präsidenten Reagan war diese Entwicklung ein Dorn im Auge. Sie unterstützten die Contras finanziell und militärisch, eine Gruppe, die aus ehemaligen Mitgliedern der Nationalgarde Somozas bestand und einen Krieg gegen die Sandinisten begann. So litt das Land unter einem jahrelangen blutigen Bürgerkrieg. Erst 1988 kam es zu einem Waffenstillstand. Doch die Wirtschaft lag Ende der achziger Jahre am Boden.

Bei den Wahlen 1990 verloren die Sandinisten, es gewann Violetta Chamorro als Vertreterin mehrerer Oppositionsparteien. Ihr folgte der Liberale Arnoldo Aleman, dessen Amtszeit durch ein hohes Maß an Korruption gekennzeichnet war. 2006 gewann die FSLN mit Daniel Ortega die Präsidentenwahl und regiert seitdem das Land.

Wirtschaftlich hatte sich das Land langsam erholt, die Armut ging zurück, das Wirtschaftswachstum steigerte sich auf stattliche ca 5% pro Jahr. Die Gesundheitsversorgung der Bevölkerung erfolgte weiterhin durch kostenlose Gesundheitszentren in den Gemeinden, Bildung ist weitgehend kostenlos, es gibt Sozialprogramme zur Bekämpfung der Armut. Nicaragua hatte eine sehr geringe Kriminalitätsrate und galt als das sicherste Land in Mittelamerika. Gleichzeitig nahm die Herrschaft Daniel Ortegas zunehmend autoritärere Formen an, die Unabhängigkeit der Justiz wurde beschnitten, Mitglieder der Familie Ortega besetzten zentrale Posten in Wirtschaft und Medien.

Ortega wurde 2017 wieder gewählt. Die Wahlbeteiligung war schwach, was auf eine hohe Frustration und verbreiteten Unmut in der Bevölkerung hinwies. Im April 2018 kam dieser Unmut schließlich offen zum Ausbruch. Die Proteste entzündeten sich an einer geplanten Rentenkürzung, gegen die Rentner und mit ihnen verbündet Studierende überwiegend friedlich demonstrierten. Bereits seit mehreren Jahren hatte sich eine Widerstandsbewegung der Landbevölkerung gegen ein Kanalprojekt entwickelt, das einem chinesischen Investor erlauben sollte, einen zweiten „Panama“-Kanal quer durch Nicaragua unter Einbeziehung der Nicaragua-Sees zu bauen. Für dieses Projekt, das eine ökologische Katastrophe bedeutet hätte und das bislang nicht wirklich begonnen wurde, war in großem Stil Land enteignet worden.

Die Protestbewegung, die sich so gegen die Regierung Daniel Ortega / Rosario Murillo entwickelt hatte, ist seitens der Regierung gewaltsam niedergeschlagen worden. Es kam zu bürgerkriegsähnlichen Auseinandersetzungen, über 400 meist junge Menschen wurden getötet, es gab Verfolgungen und Verhaftungen, Tausende sind untergetaucht oder haben das Land verlassen. Menschenrechtsgruppen wurden des Landes verwiesen. Inzwischen ist es der Regierung gelungen, ihre Macht wieder zu festigen. Oppositionelle Zeitungen werden unterdrückt, Redakteure wurden verhaftet. Neun NGOs wurde die juristische Person aberkannt, die Räume von der Polizei besetzt, Unterlagen und die Kasse beschlagnahmt. Praktisch bedeutet das ein Verbot dieser Organisationen.

Inzwischen hat die Regierung einen großen Teil der politischen Gefangenen freigelassen. Ein jetzt erlassenes Amnestie-Gesetz bedeutet nicht nur Straffreiheit für Demonstranten, sondern auch für die Tötung von Demonstranten durch Polizisten und Paramilitärs. Der geforderte Dialog mit oppositionellen Gruppen kam bislang nicht zustande. Nach wie vor gibt es eine hohe Polizeipräsens im Land und die Gefahr willkürlicher Verhaftungen. Die Wirtschaft erlitt erhebliche Einbrüche, der Tourismus ist fast zum Erliegen gekommen.

Diese Entwicklung ist auch für uns als Partnerschaftsverein bedrückend. Dennoch geben wir die Hoffnung auf demokratische Verhältnisse nicht auf. Auf jeden Fall halten wir den Kontakt zu unseren Freunden in Masatepe aufrecht. Mit unseren Projekten haben wir noch nie eine Regierung unterstützt, sondern es waren immer konkrete Unterstützungsmaßnahmen, um die Lebensbedingungen der Menschen zu verbessern. Und gerade jetzt brauchen sie uns mehr denn je.

Weitere Impressionen

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Ute Jochem in Granada

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Lagune

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Schriftstellerin Gioconda Belli (rechts), Ernesto Cardinal (Mitte)

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Stadtzentrum Managua