Jahresbrief

Rundbrief zum Jahresende 2018

Liebe Freunde und Förderer der Partnerschaft mit Masatepe/Nicaragua, zum Jahresende wollen wir einmal ausführlicher über die Arbeit unseres Vereins und die Situation in unserer Partnerstadt Masatepe berichten. Leider ist es so, dass durch die politischen Ereignisse in Nicaragua auch unsere Partnerschaft betroffen ist. Die Protestbewegung gegen die Regierung Daniel Ortega / Rosario Murillo, die sich seit dem 18. April 2018 entwickelt und weite Teile des Landes erfasst hatte, ist seitens der Regierung gewaltsam niedergeschlagen worden. Auf Demonstranten wurde gezielt geschossen, es gibt Verfolgungen und Verhaftungen, neben der Polizei waren und sind paramilitärische Gruppen aktiv. Dagegen wurden Barrikaden errichtet und es kam zu bürgerkriegsähnlichen Zuständen. Ca. 400 meist junge Menschen wurden dabei getötet, es gab viele Verletzte, Tausende sind inzwischen untergetaucht oder haben das Land verlassen. Gegenwärtig versucht die Regierung Ortega-Murillo, ihre Macht mit diktatorischen Mitteln zu festigen. Demonstrationen werden verboten, Kritiker werden als Putschisten oder Terroristen bezeichnet und eingeschüchtert oder verhaftet, paramilitärische Gruppen kontrollieren das Land. Wirtschaftliche Auswirkungen sind spürbar, die meisten Fabriken der zonas francas haben fast ohne Unterbrechung gearbeitet, der Tourismus ist allerdings weitgehend eingebrochen und viele Menschen haben ihre Arbeit verloren. Jüngst wurde bei neun NGO die juristische Person aberkannt, ihre Räume wurden von der Polizei besetzt, Unterlagen und die Kasse beschlagnahmt. Praktisch bedeutet das ein Verbot dieser Organisationen.

Im April 2018, Tausende demonstrieren für Freiheit und Demokratie, NicaraguaIm April 2018: Tausende demonstrieren für Freiheit und Demokratie

Auch in Masatepe kam es zu Demonstrationen und zum Bau von Barrikaden. Inzwischen ist wieder Ruhe eingekehrt, nicht zuletzt durch Paramilitärs, die vor allem in den Abend- und Nachtstunden die Straßen kontrollieren, sowie durch Einschüchterungsmaßnahmen gegenüber Regierungskritikern. Die Arbeit im Rahmen unserer Partnerschaft ist durch die Ereignisse erheblich schwieriger geworden. Eigentlich geplante größere Projekte wie die Verbesserung der Müllentsorgung u.a. durch die Anschaffung eines Müll-Fahrzeugs über 50.000€, gefördert aus Bundesmitteln für Entwicklungshilfe, wurden verschoben. Dennoch: In den 25 Jahren unserer Partnerschaft mit Masatepe ist ein stabiles Netzwerk entstanden und konnte auf beiden Seiten zwischen den handelnden Personen Vertrauen aufgebaut werden. Diese Verbindung werden wir auf jeden Fall weiter pflegen und den Dialog fortführen, um vielleicht auch zu einer demokratischen Lösung der gegenwärtigen Krise beizutragen. Und wir sind grundsätzlich weiter bereit, Projekte in Nicaragua zu unterstützen, soweit dies möglich ist.

Unsere Hilfe galt nie einer Regierung, sondern war immer eine Hilfe von unten, um die Lebenssituation der Menschen zu verbessern. Die Menschen in Masatepe bitten darum, dass wir sie gerade jetzt nicht im Stich lassen, sondern weiter an ihrer Seite stehen. Nach wie vor geben wir die Hoffnung auf eine demokratische und friedliche Entwicklung in Nicaragua nicht auf.

Gegenseitige Besuche im Jahr 2018

Anlässlich des 25-jährigen Bestehens der Partnerschaft mit Masatepe fand Anfang März eine Delegationsreise nach Masatepe statt, organisiert von Marta Wachowiak, Koordinierungsstelle für kommunale Entwicklungspolitik. An der Reise nahmen teil Walter Astheimer, 1. Kreisbeigeordneter, Sven Christiansen, leitender Angestellter in der Kreisverwaltung, Stefan Metzger, Geschäftsführer des Abfallwirtschaftszentrums, Ute Jochem, stellvertretende Vorsitzende des Partnerschaftsvereins und Dolmetscherin sowie Marta Wachowiak selbst. Die Reise wurde von allen Seiten als sehr erfolgreich gewertet, da die Kontakte zur Stadtverwaltung in Masatepe und zum dortigen Partnerschaftsverein vertieft werden konnten. Und es gab Ideen für größere Entwicklungsprojekte, beginnend mit einem Antrag an Engagement Global im Rahmen des Programms „Nachhaltige Kommunalentwicklung durch Kommunale Partnerschaften“ (NAKOPA) über 50.000€ zur Verbesserung und zum Ausbau der Müllentsorgung in Masatepe. Der Antrag wurde inzwischen aufgrund der politischen Situation und mit unserem Einverständnis verschoben.

Vom 28. – 31.10.2018 nahmen auf Einladung von Engagement Global die Bürgermeisterin von Masatepe, Frau Dr. Gioconda del Socorro Aguirre und die Vorsitzende des dortigen Partnerschaftsvereins, Frau Catalina Bojorge, an der „Kommunalen Partnerschaftskonferenz mit Lateinamerika und der Karibik“ in Nürnberg teil. Im Anschluss an diese Konferenz weilten beide bis zum 9.11.2018 im Kreis Groß-Gerau und absolvierten ein umfangreiches Besuchs- und Gesprächsprogramm. U.a. fanden Gespräche mit Landrat Thomas Will und dem 1. Kreisbeigeordneten Walter Astheimer sowie mit dem Bürgermeister von Groß-Gerau, Herrn Walther, statt, sie besuchten die Werkstätten für Behinderte in Rüsselsheim, den Abfall-Wirtschaftsservice in Büttelborn, die Luise-Büchner-Schule in Groß-Gerau und die Anne-Frank-Schule in Raunheim sowie das Integrationsprojekt an der Schillerschule in Groß-Gerau, die Kreisvolkshochschule und die Freiwillige Feuerwehr in Wallerstädten sowie den landwirtschaftlichen Betrieb der Familie Stahl in Klein-Gerau.

Außerdem nahmen sie an einer Vorstandssitzung des Partnerschaftsvereins teil und hatten intensive Gespräche mit dessen Mitgliedern. Dabei wurde von unserer Seite mit Nachdruck auf die Bedeutung demokratischer Verhältnisse in Nicaragua hingewiesen und die Bedeutung einer wirklichen Versöhnung und einer Aufarbeitung der Konflikte betont. Es wurden neue Projektideen entwickelt und die Hoffnung bekräftigt, dass das zunächst verschobene NAKOPA-Projekt zur Verbesserung der Müllentsorgung ab 2019 umgesetzt werden kann. Es sei an dieser Stelle nochmals hervorgehoben, dass die neu geschaffene “Koordinierungsstelle für kommunale Entwicklung“ bei der Kreisverwaltung vor allem auch durch die Person von Marta Wachowiak, die diese Stelle besetzt, viele wertvolle Impulse und auch konkrete Maßnahmen gebracht hat, die die Partnerschaft insgesamt als auch unsere Arbeit als Partnerschaftsverein ganz erheblich intensiviert hat. Für diese engagierte und erfolgreiche Arbeit drücken wir Martha Wachowiak unseren herzlichen Dank aus und wir hoffen, dass diese Arbeit trotz der schwierigen Situation in Nicaragua mit Erfolg fortgeführt werden kann.

Freiwilligendienst „Weltwärts“

Seit September 2017 verrichtete Paola Gattano mit großem Engagement und sehr erfolgreich ihren „Weltwärts“-Freiwilligendienst in Masatepe. Sie gab Sprachkurse für Deutsch und Englisch für Erwachsene, unterrichtete an der Grundschule „Damas Salesianas“ in Englisch und Sport, arbeitete im Landwirtschaftsprojekt ICIDRI mit, führte einen Yoga-Kurs durch und unterstützte das Behindertenzentrum „Angelitos“. Leider musste sie ihren Aufenthalt in Masatepe im Mai 2018 auf unsere Anweisung hin vorzeitig beenden, weil die Situation zu gefährlich wurde. Wir standen die Wochen vorher fast täglich in telefonischem Kontakt mit ihr. Der Mentor in Masatepe, Oliver Cerda, gab schließlich an, ihre Sicherheit nicht mehr garantieren zu können, zudem sei der Transport zum Flughafen Managua in Frage gestellt. Deshalb entschieden wir uns für den Abbruch, wenige Tage bevor das Entwicklungsministerium alle Weltwärts-Freiwilligen aus Nicaragua zurückholte. Paola Gattano kam traurig, aber wohlbehalten am Flughafen Frankfurt an.

Leider konnten die beiden neuen Freiwilligen, René Gottwald und Luca Cordes, ihren Freiwilligendienst im August 2018 nicht antreten. Die unsichere politische Situation lässt das nicht zu, es gibt nach wie vor eine Reisewarnung des Auswärtigen Amtes und es sind derzeit keine Weltwärts-Freiwilligen in Nicaragua. Das ist sehr schade, beide hatten sich sehr auf ihren Freiwilligendienst gefreut, die Flüge waren schon gebucht und sie waren gut vorbereitet. Wann wir wieder Freiwillige nach Masatepe schicken können ist derzeit völlig unklar.

Seit August 2018 ist wieder, nach einem Jahr Pause, mit Julio Sanchez ein Süd-Freiwilliger aus Masatepe im Kreis Groß Gerau, der von uns betreut wird. Er arbeitet in der Kreisvolkshochschule, wohnt in einer Gastfamilie und spricht bereits recht gut deutsch.

Entwicklungsprojekte

  • Unser bislang größtes und langfristigstes Projekt, die Unterstützung des ambulanten Therapie-Zentrums für behinderte Kinder und Jugendliche „Angelitos por siempre“ hat seine Arbeit mit geringfügigen Unterbrechungen auch in diesem Jahr fortgesetzt, das Gebäude ist sogar im September/Oktober renoviert worden. Auch unsere finanzielle Unterstützung wurde und wird fortgeführt, die Abrechnung erfolgt verlässlich über die Stadtverwaltung Masatepe. Wir leisten Beiträge zur Arbeit der Verwalterin, einer Physiotherapeutin, des Nachtwächters und wir bezahlen die Transportkosten. Zwei weitere Therapeuten werden von der „Brigada Bernesa“ aus der Schweiz finanziert. Spenden seitens des Kreises Groß Gerau sowie eine Spende des „Eine-Welt-Ladens“ Raunheim und Spenden der Schülergruppe „Ayuda para Masatepe“ der Luise-Büchner-Schule in Groß-Gerau unterstützen uns.
  • Ein Anbau für die Vorschule der Schule Campos Azules wurde realisiert und aus Mitteln des Kreises und der Stadt Groß-Gerau über zus. 6.739$ finanziert. Der Anbau wurde im September eingeweiht.

Anbau „Campos Azules“ / Einweihung der neuen Vorschulklasse
  • Die Anne-Frank-Schule in Raunheim überreichte uns anlässlich des Besuches der Gäste aus Masatepe eine Spende in Höhe von 1.000€ für die Schule in San José.
  • Mit unserer Unterstützung konnten in der Grundschule „Damas Salesianas“ bauliche Schäden behoben werden, die durch eine Überschwemmung entstanden waren.
  • Ein zusätzlicher Klassenraum für die Grundschule in La Sabanita konnte bislang nicht verwirklicht werden, dazu fehlt noch die Genehmigung durch das Kultusministerium.
  • Auch der Anbau an das Gesundheitszentrum „Centro de Salud“ für einen Warte- bzw. Schulungsraum wurde leider nicht verwirklicht. Ein Antrag dazu an die Schmitz-Stiftung war, nach eineinhalb Jahren, im Mai 2018 endlich genehmigt worden. Aufgrund der langen Wartezeit und einem zweimaligen Wechsel in der Leitung des Centros ist die für den Raum vorgesehene Fläche mittlerweile anders bebaut worden. Wir haben das Projekt bei der Schmitz-Stiftung storniert.
  • Inzwischen liegen weitere Projektanträge vor für die Befestigung einer Straße in einem Wohngebiet im Stadtteil Nimboja, die erhebliche Wasserschäden aufweist, sowie für eine Baumaßnahme in der Grundschule „Amigos de Japon“. Zu beiden Projekten besteht noch Klärungsbedarf, aber wir hoffen, dass wir sie absehbar realisieren können.

Veranstaltungen

Mitglieder des Vorstands nahmen mehrfach an überregionalen Veranstaltungen teil wie z.B. der Hessenkoordination der Nicaragua-Vereine, an der Partnerkonferenz zum 10-jährigen Bestehen von
„Weltwärts“ des Qualitätsverbundes Ventao zusammen mit dem ehemaligen Süd-Freiwilligen und Mentor Oliver Cerda, an der Mitglieder-Versammlung von Ventao. Besonders erwähnenswert in diesem Jahr war die Teilnahme

  • am Europatag des Kreises Groß Gerau am 9.5. im Landratsamt mit einem Stand
  • mit einem Informationsstand im Rahmen der Interkulturellen Woche in Groß Gerau
  • an der Multivisions-Show „Unbekanntes Mittelamerika“ im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Fernweh-Winter“ am 20.11. im Landratsamt, ebenfalls mit einem Info-Stand. Über den Verkauf einer „Tollen Tüte“ werden von den Organisatoren Spenden an uns generiert, die gezielt für „Angelitos por Siempre“ bestimmt sind.

Die Arbeit unseres Vereins erfolgt rein ehrenamtlich, es entstehen keinerlei Verwaltungskosten. Wir bedanken uns bei allen sehr herzlich, die uns unterstützen, und wir wünschen ein gutes, gesundes und erfolgreiches Jahr 2019.

Partnerschaftsverein Kreis Groß Gerau – Masatepe/Nicaragua eV Für den Vorstand:
Heiner Friedrich
Vorsitzender